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Die Berliner Literaturkritik - 22.09.2006

Mord vorm Marathon

Krimi-Drehbuchlesung eines unverfilmten Berliner Tatorts

In der "Drehbuchschule Wolfgang Pfeiffer", Kollwitzstraße 81 (Berlin), haben am Abend des 20. September 2006 Schauspieler und Synchronsprecher einen bislang unverfilmten Berliner Tatort gelesen. Das Skript "Für immer jung" entstand in einem neunmonatigen Krimi-Seminar der Drehbuchschule unter Federführung von Peter Wißmann und Johannes von Gwinner. Im Interview mit diesem Magazin berichtet Peter Wißmann von den Recherchen und dem Schreiben selbst, sowie von den Schwierigkeiten, das Buch als Film umzusetzen.

Publikum ist begeistert

Berlin, Drehbuchschule Kollwitzstraße, innen: In dem kleinen, hell und sparsam eingerichteten Raum drängen sich 40 bis 50 Menschen. So und ähnlich klingt auch der Text, welcher in den folgenden 90 Minuten von mehr und weniger bekannten deutschen Schauspielern und Synchronsprechern vorgetragen wird. Es lesen Carina Drews, Kirsten Hildisch, Astrit Kohlhoff, Judith Sehrbrock, Kai Ivo Baulitz, Egon Hofmann, Matthias Horn, Thomas Kornmann und André Röhner. Willkommensgruß und Einladung zu Wasser und Wein spricht Organisatorin Tanja Thomsen aus.
Das Licht wird gedämpft und die Erzählerin liest die erste Regieanweisung. Mit diesen Hintergrundinformationen hat sie auch das meiste zu lesen, verhaspelt sich entsprechend oft. Im Folgenden wechseln sich witzige Dialoge, spannende wie auch klärende Gespräche, etwas Mimik und recht häufig auch Gestiken ab. Die Lesenden richten Namensschilder vor sich auf, je nach dem, welcher Charakter gerade zu hören ist. Es wird geschrieen, gelacht, geklatscht. Auch kleinere Requisiten wie Handys, Flaschen, Basekaps kommen zum Einsatz. Das Publikum zeigt sich begeistert, lacht und klatscht, verfolgt mit wachem Blick, was in der Reihe hinter den Leselampen und Wasserflaschen passiert, oder gibt sich mit geschlossenen Augen dem Film hin, der in der eigenen Fantasie entsteht.

"Für immer jung" – Die Story

Das Drehbuch "Für immer jung" handelt von drei Frauen, die in einer Jugendsportgruppe der DDR eine Freundin durch Doping verloren und auch selbst körperlich und seelisch noch lange nach den Wettkämpfen mit diesem Verlust zu kämpfen haben. Nun wollen sie sich rächen, verabreichen tödliche Chemiecocktails auf Dopingbasis denen, die ihnen das Leben vermiest haben und wählen dafür keinen geringeren Zeitpunkt als den Berliner Marathon, der tatsächlich am kommenden Wochenende, 23. / 24. September 2006, wieder stattfindet. Dabei sitzt der Tatort-Ermittler Ritter, der selbst unter der Obhut des von einem Mordanschlag bedrohten Fitnessgurus für den Marathon trainiert, näher an der Quelle des Verbrechens, als er anfangs ahnt.

rbb hat Verfilmung des Drehbuchs abgelehnt

Im Gespräch mit diesem Magazin verrät einer der Autoren: "Das Kernthema der Geschichte entsprang persönlichen Interessen, ich laufe selbst Marathon und vor zwei Jahren hatte die zitty einen Artikel zum Laufen in Berlin." Das Drehbuch sei in einem der neunmonatigen Kurse der "Drehbuchschule Wolfgang Pfeiffer" entstanden. "Nach Recherchen in Originalakten zum Kinderdoping in der DDR haben Johannes von Gwinner und ich drei bis vier Monate daran geschrieben. Die Zusammenarbeit entstand aus der Bekanntschaft im Kurs heraus", erzählt Peter Wißmann weiter.
Auf die Frage hin, ob die Schauspieler Intention und Emotion der Schöpfer richtig erfasst haben, zeigt er sich begeistert: "Sie haben unsere Vorstellungen gut getroffen. Die Geschichte wurde schon einmal von anderen vor 400 Leuten in Zürich gelesen, großartig. Aber mit Schweizer Dialekt war das schon etwas anderes." Das Drehbuch sei nun bereits mehrere Jahre alt und vor zwei Jahren beim rbb eingereicht worden. "Wir haben mit dieser Tatort-Folge beim Krimifest in der Eifel teilgenommen. Aber der rbb hat im Anschluss eine Verfilmung abgelehnt, weil es angeblich zu schwierig zu drehen sei, vor allem die Szene mit der explodierenden Bombe beim Marathonlauf. Und vor zwei Jahren wollten sie nicht noch mehr DDR-Stoffe verfilmen. Diese Themen gab es zu der Zeit einfach schon zu oft."

Beziehungen und Kontakte sind im Filmgeschäft vonnöten

In diesem Moment des Interviews schaltet sich ein Gast ein. Eine Frau, die gern mit dem Autor in Verbindung bleiben würde, da sie die Intendantin des rbb kenne und vielleicht, wer weiß, werde es doch noch eine Verfilmung geben. Eben über solche Beziehungen funktioniert die Kunst. Das bestätigt auch Tanja Thomsen, die Leiterin des Projekts. Sie habe vor Jahren selbst an einem Kurs von Herrn Pfeiffer teilgenommen. Daran habe sich die Zusammenarbeit für das Projekt "Krimi-Drehbuchlesung" angeschlossen, berichtet die Schauspielerin diesem Magazin. Die Drehbücher dafür wähle sie aus den laufenden Kursen aus, "Krimis eignen sich dabei besser als zum Beispiel Liebesgeschichten, denn sie sind einfach spannender."
Bei "Für immer jung" habe sie 27 Seiten, ungefähr 20 Minuten, rausgestrichen, nicht weil sie es nicht für gut befunden habe – ganz im Gegenteil –, sondern damit es sich für die Lesung eigne. Nur eine Probe organisierte Frau Thomsen vor dem großen Abend: "Ich verlasse mich einfach auf das Können der Schauspieler. Heute Abend waren vier vom Theater, der Rest vom Film. Diesen Unterschied merkt man bei der Lesung. Die lebt von der daraus entstehenden Spontaneität und Lebendigkeit." Die Schauspieler, die Frau Thomsen ausgesucht hat, kennt sie persönlich, aus Filmproduktionen und aus dem Theater. Manche seien ihr von Freunden empfohlen worden. "Über Beziehungen und Kontakte bekommt man Telefonnummern und interessierte, engagierte Mitwirkende. Wir machen das ja alle aus Spaß an der Freude."

Mika Schmidt, ein Tatort-Fan, war begeistert

Die Gäste klatschen nach der Lesung begeistert und kommen sowohl untereinander als auch mit den Schauspielern, Autoren und der Organisatorin ins Gespräch. Mika Schmidt, ein Gast, sagt gegenüber diesem Magazin: "Prinzipiell hat mir die Lesung gut gefallen. Bloß dass die Mörder von Anfang an bekannt waren, hat der Geschichte ihre Spannung genommen. Und wie drei Hausfrauen eine Bombe auf einen Einkaufschip bauen können, ist mir unklar." Doch der Tatort-Fan war begeistert von der korrekten Übernahme der Tatort-Kommissare. "Super witzig war’s und dramaturgisch gut gemacht.", schließt er und mischt sich wieder unter die Gäste, die mit Wein und Gesprächen den Abend langsam ausklingen lassen.



Von Jacqueline Moschkau


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