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Der Tagesspiegel - 15.01.2000

Berlin - Mekka der Medien-Macher?

Wie aus einer Idee eine filmreife Geschichte wird

Dass man handwerkliches Geschick braucht, um ein Haus zu mauern, wird niemand bezweifeln. Dass das genauso für das Schreiben eines Drehbuchs gilt, ist hierzulande noch nicht Allgemeinwissen. So berichtete kürzlich ein Vertreter von Pro Sieben auf dem Babelsberger Filmgelände, dass er pro Jahr die unglaubliche Zahl von 1 800 Stoffangeboten bekommt. Brauchbar seien vielleicht 100. Mit "brauchbar" meint der Münchner TV-Mann Drehbuchvorlagen, die ein Mindestmaß an dramaturgischem Schreiben erkennen lassen. Das Zauberwort der Branche heißt ergo "Stoffentwicklung".

In Berlin bekommen sogar Anfänger die Chance, das Handwerk zu lernen. "Praktisches Drehbuch-Schreiben" nennt etwa Wolfgang Pfeiffer seinen Kurs, in dem aus einer Idee ein fertiges Drehbuch entstehen soll. Pfeiffer, bei nahezu 50 Filmen als Produzent, Regisseur und Autor tätig, dient dabei den Newcomern neun Monate lang als Coach. Der erste Durchgang des Kurses wurde gerade abgeschlossen. 5000 Mark plus Mehrwertsteuer kostet die Teilnahme.

Am Anfang steht die Idee, und in - mitunter - langen Gesprächen mit dem Coach wird sie zu einer Geschichte mit Handlung und Tiefgang weiterentwickelt. Der eigentliche Kurs beginnt mit einer zweiwöchigen Gruppensitzung, während derer die Grundlagen des dramatischen Schreibens vermittelt werden. Dann folgt eine individuelle Recherchephase, um den Stoff nochmal zu vertiefen. Nach einer weiteren Gruppensitzung zum theoretischen Rüstzeug beginnt der Ernst: Über vier Monate werden die - im Regelfall - drei Akte geschrieben. Anschließend tauschen die Teilnehmer ihre Werke untereinander aus und kritisieren sich gegenseitig. Nach einer Überarbeitungsphase über zweieinhalb Monate soll die Endfassung vorliegen - das Wort Endfassung müsste hier eigentlich in Anführungszeichen stehen, denn für die darauffolgende Suche nach einem Produzenten gilt bekanntlich die Erfahrung "ein Drehbuch schreiben heißt es umschreiben". Das Glück: Da Pfeiffer auch als Produzent tätig ist, haben die drei Bücher, die im ersten Seminardurchgang entstanden sind, wohl auch Chancen, auf die Leinwand zu kommen.

Was gehört zum Handwerkszeug eines Autors? Vermittelt wird in dem Kurs zum Beispiel, wie man spannend erzählt, wie man Dialoge schreibt, oder - banal aber wichtig - wie man bei rund 120 Seiten den Überblick behält. Denn das Drehbuchschreiben lässt sich mit dem Anstieg auf einen überhängenden Gipfel vergleichen: Ist man allein unterwegs, verliert man leicht das Ziel aus den Augen und bleibt stecken; nimmt man an einer geführten Besteigung teil, bringt der Bergführer die Gruppe über einen sicheren Weg. Und das Seil, dass alle Kletterer verbindet, hilft machem Drehbuchautor in spe über Blockaden und Schreibängste hinweg - auch das hat sich beim ersten Seminardurchgang gezeigt. Interessenten sollten sich jedoch vorab über einige Dinge klar werden. Erstens ist das Ziel des Kurses nichts als ein Drehbuch - universitäre Diskussionen etwa über das Filmgeschäft als solches sind nicht Sinn der Übung. Zweitens lässt sich das Schreiben kaum halbtags neben einem Broterwerb erledigen. Drittens geht es nicht um filmische Experimente, sondern um konventionelles Handwerk.


Von Peter Becker

Link: www.tagesspiegel.de


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